Hand gegen Koje. Eine Atlantiküberquerung mit der Segelyacht von Las Palmas aus

Mitfahrgelegenheiten auf Europäischen Autobahnen kennt jeder. Vivi und ich sind oft weite Strecken quasi mit dem Daumen gefahren und auch mal für ein paar Euro Benzingeld mit Magenschmerzen aber in Rekordzeit von München nach Budapest gekommen. Aber das man so von Las Palmas aus auch in die Karibik kommen kann, war uns dann doch neu… bis zum letzten November, wo auf einmal mein Berliner Freund Matthias vor mir steht und genau davon begeistert erzählt: er plant eine Atlantiküberquerung mit der Segelyacht zu unternehmen. Er will sich im Hafen von Las Palmas ein Boot suchen und spontan anheuern – nach dem Hand gegen Koje-Prinzip. Auf der Überfahrt möchte er mitarbeiten und dafür auf die andere Seite der Welt kommen. – Klappt das? Ist er also rübergekommen? Für wen ist so eine Reise was? Wann ist die beste Reisezeit zum Mitsegeln? Ich möchte heute von dieser ungewöhnlichen Aktion berichten. Viel Spaß!

Segelboote im Hafen von Las Palmas

Es geht los!

Anfang Dezember 2019 treffe ich also freudig auf den frisch gelandeten Matthias am Mercado del Puerto und er erzählt mir von seinen Plänen: eine Atlantiküberquerung war schon immer auf seiner Wunschliste. Am besten mit einer kleinen oder mittleren Segelyacht. Wenn man Glück hat, schafft man es ohne Motor auf die andere Seite des Atlantiks – ganz klassisch wie die frühen Weltumsegler. Zu meinem Erstaunen gibt es hier eine rege Szene um das Thema Mitsegeln oder Bootsüberführung. Der Suchbegriff lautet hier „Hand gegen Koje“.

Hand gegen Koje

Das Prinzip ist schnell erklärt: eine professionelle Stammcrew sucht helfende Hände für Überfahrten oder andere Segeltörns und bietet den Mutigen dafür eine Koje und ein waschechtes und zeitweise knochenhartes Abenteuer. An schwarzen Brettern, im direkten Gespräch und auf Internetplattformen werden Crew und Boote am Hafen vermittelt. Eine typische mittlere Segelyacht hat 4-6 Crewmitglieder, wobei ggf. 1-2 Plätze zu vergeben sind. Es gibt aber auch größere Mitfahrgelegenheiten, aber selten gibt es mehr freie Plätze.

Nachts kann man im Hafen von seinem Lieblingsboot träumen… Schafft man es anzuheuern?

Hat man einen Skipper von sich überzeugt und einen Deal verhandelt, geht es an Bord und wenn die Leinen gelöst sind, dauert es so ca. drei bis vier Wochen bis man in Indien Mittelamerika ankommt. An Bord muss man teilweise aber richtig, richtig ranklotzen. Es geht mit vereinten Kräften an die Segel und Taue, ans Putzen, Nachtwachen, Kochen, Schuften. Von den Kanaren aus legen viele Schiffe noch einen Zwischenstopp auf den Kapverden ein. Viele Boote setzen dann auf die Antillen über. Wesentlich seltener direkt nach z.B. Guyana, Suriname, Französisch-Guayana, oder Brasilien. (Konkret heißt das, dass es gar nicht so leicht ist, nach Süd- und Mittelamerika zu kommen – was die meisten Hitchhiker eigentlich wollen -, da die Mehrzahl der Segler nur die östlichen Antillen abklappern und dann im Frühjahr über die Nordroute über die Azoren zurück nach Europa segeln.) Doch hat man`s rüber geschafft, trennen sich am Zielhafen meist die Wege der Tramper-Crewmitglieder vom Rest und man ist ohne weitere Verantwortung (und ggf. ohne Rückflugticket) am anderen Ende der Welt gelandet.

Die ideale Reisezeit liegt zwischen September/Oktober und März. Man sollte also möglichst zu Beginn der Saison seine Suche starten. Die Passatwinde westlich der Kanaren ermöglichen – so ein typischer Spruch unter Kapitänen – eine Segelüberfahrt mit nur drei Manövern (Ablegen, Segel setzen, Anlegen). Dazwischen treibt man wie von allein auf die neue Welt zu. Klingt fast zu einfach…

Tatsächlich ist es ein hartes Unterfangen ohne Erfolgsgarantie. Viele suchen auch vergeblich ein Boot und sind sich der Härte der Aktion nicht bewusst. Wie Matthias berichtet, kann man auch schnell an seine Grenzen gelangen. Körperlich sehr fordernd (Seekrankheit ist da nur ein Problem) und nicht ungefährlich. Man legt sein Leben in die Hände einer unbekannten Crew und kommt dann auf hoher See auch nicht mehr davon! Der Vergleich einer Mitfahrgelegenheit ist auf keinen Fall zutreffend! Für alle, die dies bedenken und sich noch weitergehend informieren, soll die folgende Übersicht als kleiner Ratgeber dienen, ob der Versuch einer Überfahrt etwas für ihn oder sie ist. Ich berichte hier nur von einer Momentaufnahme der Suche – dabei auf Deck war ich ja leider (oder zum Glück?) nicht. 😉

 Vorbereitung ist Alles!

Es mag zwar ein Nischenmarkt sein, aber es gibt doch immer noch genug Abenteuerlustige, die dieselbe Idee hatten. Daher sollte man sich schon vor Anreise nach Las Palmas einlesen und einen Plan haben. Segelerfahrung braucht es – je nach erhoffter Aufgabe auf dem Schiff – keine, aber ist sicherlich hilfreich. Generell hat man bessere Karten, wenn man ein Alleinstellungsmerkmal mitbringt und auch prominent bewirbt: bist Du ein guter Smutje oder ein guter Zimmermann? Einsatz ist gefragt und es wird knallhart aussortiert. Man muss wie oben geschrieben fit sein und sich das Ganze zutrauen. Ein Zuckerschlecken ist es nicht.

Vor Ankunft in Las Palmas sollte man auf jeden Fall die Unterkunftsfrage klären und sicherheitshalber 4-8 Wochen Zeit zum Suchen eines Schiffes vor Ort einplanen.

Hinweis: Einige Backpacker schlafen illegal direkt neben dem Yachthafen am Stadtstrand Alcaravaneras. Eine bessere Option ist aber sicher ein Hostel, wie z.B. das Atlas im Stadtteil Isleta, wo auch wir wohnen. Hier bekommt man als Segelbootsucher immer einen Platz – wenn auch befristet.

Am besten hat man bereits vor Ankunft zu einigen Crews Kontakt über Internetplattformen (siehe unten) und hat somit schon erste Termine vor Ort. Das gibt ein gutes Gefühl zum Starten und vor allem garantiertes Training: es werden sicherlich noch mehr Interviews werden.

Um sich besser zu präsentieren, kann man auch vorher schon eine kleine Lebenslauf-Website erstellen inklusive aller Fähigkeiten, eigener Wünsche, Reise- und Kontaktdaten. Wenn man dann noch Visitenkarten und Flugblätter für die schwarzen Bretter im Koffer hat, kann man guten Gewissens am Flughafen einchecken!

Klinkenputzen – Dein neuer Alltag in Las Palmas

Ist man erstmal in Las Palmas angekommen und das erste Sonnenuntergangsbier am Strand vernichtet, sollte man nicht in Müßiggang verfallen. Täglich geht`s zum Hafen! Der Hafenbereich verteilt sich aber über die ganze Ostseite von Las Palmas. Die meisten mittleren Segelyachten liegen am Muelle Deportivo, es gibt aber auch immer wieder größere Schiffe, die eher hinter dem Einkaufszentrum El Muelle vor Anker liegen. Dort sind sonst aber eher die kleineren Fischerbötchen zu finden.

 

Der „Muelle Deportivo“ mit kleineren Yachten und Booten vor Anker.
Die wichtigsten Orte für Hand gegen Koje auf einen Blick
Die wichtigsten Orte auf einen Blick

Also, los geht`s! Vor Ort hängen bereits viele Gesuche-Zettel an Stromkästen und Stegtüren, wo man seine gleich dazu hängen kann. Allerdings verschwinden diese oft auch wieder schnell, da die Hitchhiker – auch wenn es Angebot und Nachfrage gibt – nicht bei allen beliebt sind oder gerne gesehen werden. Die glücklichen Menschen mit Yacht haben eine Schlüsselkarte für die Stege, die den Zugang ermöglicht. Man selbst muss draußen bleiben (außer man schlupft mal durch) und versuchen, möglichst viele Segler abzufangen und anzusprechen. Hier gilt: schüchtern sein wäre der eigene Untergang.

Der beliebteste Skipper-Treffpunkt am Yachthafen: das Sailor’s Bay
Der beliebteste Skipper-Treffpunkt am Yachthafen: das Sailor’s Bay
Im Sailor`s Bay gibt`s genug Auswahl an Kopfbedeckungen und Getränken.
Hand gegen Koje Aushänge am schwarzen Brett im Sailor`s Bay Las Palmas
Das schwarze Brett im Sailor`s Bay sollte täglich besichtigt werden.

Tipp: Ein idealer Treffpunkt fürs Netzwerken ist die Kneipe „Sailor`s Bay“. Hier trifft sich die Skipperszene und zieht natürlich auch lungernde Hitckhiker an. Am besten geht man offensiv rein, bestellt sich ein Getränk oder Essen am Tisch und versucht ins Gespräch zu kommen. Einigen Einheimischen und Kneipenbesuchern ist diese Szene ein Dorn im Auge – man darf nicht davon ausgehen, von allen mit offenen Armen empfangen zu werden. Aber auch mit anderen Hitchhikern sollte man sich direkt verbrüdern: ständiges Umhören und Austauschen hilft ungemein. Eventuell hat ja der eine was gehört, was ihm oder ihr nicht passt, aber für einen selbst der Volltreffer wäre… Statistisch finden wohl Frauen schneller eine Mitfahrgelegenheit. Hat man endlich einen möglichen Kapitän an der Angel, geht`s um die Details.

Die AGBs fürs Mitsegeln

Es gibt keine generelle Regel oder einen Standardvertrag. Alles ist Verhandlungssache und sollte angesprochen werden. Wichtig ist aber vor allem eins: man darf nicht davon ausgehen, kostenlos und als Faulenzer in die Karibik zu kommen! Anpacken ist immer gefragt. Es gibt durchaus Ausnahmen (vor allem teure), wo man weniger tun muss. Aber in Normalfall geht es ums Mithelfen rund um die Uhr. Der Unkostenbeitrag variiert. Mindestens das Essen wird berechnet, oft Bootskosten (Hafenplätze, Diesel, etc.), weniger oft ein Aufpreis. Als Mitfahrer können es auch schon mal 20-50 € pro Tag werden. Auf Internetplattformen gibt es oft konkretere Bedingungen in der Anzeige gelistet: was wird verlangt, was kostet es.

Internet-Portale

Das Internet ist neben dem ebenso wichtigem Klinkenputzen vor Ort die Universalquelle, die Du auch bearbeiten solltest. Es gibt viele Foren, wo Du fündig werden kannst. Hier nur einmal eine kleine Auswahl an konkreten Kleinanzeigenplattformen:

  • findacrew.net
    • Hier findet man ein Boot oder eine Crew. Der Premium-Zugang kostet z.Zt. acht Euro und ist auf jeden Fall den Aufpreis wert. Nach einer ID-Prüfung hat man hier eine gute Plattform, wo man vertrauensvoll und seriös das Angebot scannen kann.
  • crewbay.com
    • Ebenfalls eine sehr gute Seite, die bei der Auswahl auch unterscheidet zwischen „professionell“ und „recreational“. Solltest Du also nur der Deckschrubber oder bezahlender Hitchhiker sein wollen, ist letztere Kategorie die richtige für Dich.
  • crewseekers.net
    • Eine gute Seite eher für die Profis, die stets einen Mitgliedsbeitrag verlangt.
  • handgegenkoje.de
    • Gesuche sind hier kostenlos, solltest Du selbst ein Boot besitzen bzw. Stellen ausschreiben wollen werden aktuell 15,50 € fällig.

Tipps von Matthias

Mein Freund hat sich meistens auch an der Mole Dique Este und dem Sailor’s Bay rumgetrieben. Aus seiner Sicht sind die besten Tipps, um schnell Mitsegler zu werden:

  • Nicht schüchtern sein, immer aktiv Crews ansprechen und netzwerken!
  • Pro Tag klare Ziele setzen, etwa mindestens 1 neues Boot ansprechen, 2 neue Flyer aufhängen, abends in der Kneipe Gespräche suchen. Ohne Plan vergeht die Zeit im schönen Las Palmas wie im Fluge und die Saison ist ja begrenzt!
  • Eine kleine Website im Netz und eine Visitenkarte in der Hand sind sehr hilfreich, sollte ein Skipper gerade keine Zeit für ein Gespräch haben. Eine Karte zustecken geht immer!
  • Neue Boote am besten direkt beim ersten Hafeneinlauf abfangen! Idealerweise direkt beim „Check-In“ an der autoridad am Ende vom Pier.
  • Ein weiteres schwarzes Brett gibt es auf der Muelle Dique Este.
  • Allergrößte Sorgfalt sollte man bei der Auswahl des Kapitäns/der Crew walten lassen. Es wird eine anstrengende Erfahrung mit teilweise sehr stressigen Momenten – da muss es fachlich und menschlich auch passen.
  • Unbedingt vorher klären, wo die Yacht hinsegeln wird und prüfen, ob man bei Einreise ein Rückflugticket vorweisen muss! Es gibt Länder, die das bei der immigration fordern.
  • … und auf jeden Fall: Geduld, Zuversicht und viel Zeit haben!

Der Beginn einer einzigartigen Reise

Wenn Dir diese Infos geholfen haben und Du vielleicht bald in Las Palmas und dann in der Karibik landest: lass es uns wissen! Wir freuen uns über dein Feedback! Auf Gran Canaria zu starten und per Segelboot zu reisen ist sicherlich der stilvollste Start in die neue Welt oder in den Urlaub in der Karibik. Allerdings auch ein sehr harter Weg.

… und was ist nun aus meinem Freund Matthias geworden? Er hatte tatsächlich großes Glück und konnte bereits nach etwa 10 Tagen ein großes Segelschiff finden. Genau genommen das Segelschiff schlecht hin: die britische „Tenacious“ ist heute das größte Holzschiff der Welt, das mit 65 Metern Länge als Segelschiff auf den Weltmeeren als Trainingsschiff unterwegs ist. Einzigartig ist die spezielle Ausrichtung für körperlich Behinderte, die als Gäste mitfahren können, aber auch als Crew etwa beim Bau des Schiffes bis zum Stapellauf im Jahr 2000 geholfen haben. Elf Stammmitglieder plus 40 Trainees sind die typische Besatzung. Wow! Aber selbst auf einem so großen Schiff gab es nur zwei Plätze für Hitchhiker!

Die Tenacious im Hafen von Las Palmas
Auf der Deck der Tenacious: beindruckend die Holzbauweise und die Weihnachtsvorbereitungen. 😉

Die Tenacious stach dann ein paar Tage vor Weihnachten in See. Er selbst konnte erfolgreich seine Fähigkeiten als Tischler bewerben, war somit ein wertvolles Crewmitglied und konnte eine großartige Zeit an Bord verbringen bis sie genau drei Wochen später und nach 3114 Seemeilen (5767 km) in Bequia (St. Vincent und die Grenadinen) ankamen. Ganz ohne Motor kamen sie mit den richtigen Winden komplett auf die andere Seite! Danach ging es weiter nach Dominica, Antigua und Guadeloupe. Dort ist er von Bord gegangen. Mit einer Fähre ging es weiter nach Martinique und mit einer kleinen Segelyacht weiter nach Guatemala, um so auf den Kontinent zu kommen. Noch heute ist er dort und genießt die Natur am anderen Ende des Erdballs. Für ihn eine großartige Erfahrung!

Angekommen! Erster Blick vom karibischen Festland auf das Schiff.
Angekommen! Erster Blick vom karibischen Festland auf das Schiff. Foto (C) Matthias Schmidt (ebenso Titelbild)

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