Ein Kind in Spanien bekommen, oder: Die Spanier und Ihre 10 merkwürdigsten Baby-Gebräuche

Wir sind zurück!

 Hallo liebe LaVidaCanaria-Fans! Wie die Zeit vergeht! Wie ihr gemerkt habt, waren wir jetzt eine ganze Weile offline. Aber wir waren natürlich nicht untätig und haben einfach nur unter der kanarischen Sonne gelegen… im Gegenteil. Wir haben die Zwischenzeit genutzt, um nochmal viel tiefer in die Materie „kanarisches Leben“ einzudringen. Jetzt sind wir nämlich stolze Hausbesitzer und übernächtigte Eltern! Das erste Jahr im neuen Leben ist fast rum und wir wagen uns wieder langsam an die Front, um zu berichten. Heute soll es passenderweise um das Thema „Baby in Spanien“ gehen. (Unser Immobilienartikel wird auch noch folgen.) Unser Nachwuchs feiert gerade seinen 11. Monat und wir atmen durch:

Von Baby-Bauch zu Baby-Brauch

Wir haben seit dem Schwangerschaftstest, der prueba de embarazo so einiges durchgemacht und kennengelernt. Vor allem, wie das öffentliche und private Gesundheitssystem in Spanien so funktionieren und welche die bessere Wahl für uns ist. Die kurze Antwort dazu: wir haben am Ende auf die beste medizinische Versorgung im öffentlichen System gesetzt und uns sehr über die Professionalität und im positiven Sinne „Fließbandarbeit“, also eine gute Routine, gefreut. Man opfert im Grunde nur das Einzelzimmer im Krankenhaus und die Bekanntschaft mit privaten Ärzten, die lieber einen Kaiserschnitt abrechnen wollen…

Solltet Ihr hier einen Tipp brauchen bzgl. Krankenhauswahl oder deutscher Hebamme – schreibt uns gerne eine Mail! Jetzt soll es aber um die Dinge nach der Geburt gehen und unsere Beobachtungen, was bei den Spaniern auffällig anders ist. Was sollte man wissen?

  1. Die Elternzeit in Spanien ist die Minimallösung

Das Deutsche Gesundheitssystem und die Kinderversorgung und -betreuung in der Heimat sind weit davon entfernt perfekt zu sein. Aber die großzügige Elternzeit in Deutschland sucht man in Spanien vergeblich. Die gesetzliche Regelung verändert sich jedoch gerade. Früher gab es so gut wie gar keine Elternzeit – für den Mann schon gleich gar nicht. Zu unserem Antragszeitpunkt gab es 16 Wochen für die Frau und fünf Wochen für den Vater. Das war’s. Die Frau durfte noch bis zu fünf Wochen an den Mann abtreten, aber mehr ist nicht drin. Aktuell sind es jeweils 16 Wochen pro Partner – der Staat übernimmt die Lohnfortzahlung. Man selbst muss sich „nur“ mit der Bürokratie rumschlagen und bei jedem Statuswechsel (Beginn Mutterschutz, Beginn abgetretene Mutterwochen an Vater, Beginn Vaterzeit, …) wieder Formulare in der seguridad social ausfüllen, damit alles klappt. Da kann man aber schon mal jeweils einen vollen Tag für freihalten und sich ein dickes Buch mitnehmen…

Raus aus dem Kreißsaal, rein ins laute Leben!
  1. Die Action geht direkt nach dem Kreißsaal los

Ist der Nachwuchs gesund auf der Welt (bei uns im Krankenhaus Materno, Las Palmas), muss man direkt und innerhalb von 24 Stunden das Kind vorzeigen und im spanischen System anmelden. Ja, alle drei Familienmitglieder müssen vorstellig werden! Im Materno gab es aber zum Glück im Untergeschoss ein paar träge, outgesourcte Beamten, die das für uns übernehmen konnten – ohne das Gebäude zu verlassen. Allerdings ist hier Achtsamkeit geboten – schnell werden Vor- und Nachname vertauscht oder ein zweiter Nachname (nach spanischer Manier) eingetragen, wo es im Deutschen keinen geben dürfte. In einigen Dokumenten taucht unser Sohn mit dem zweiten Nachnamen „Ninguno“ (= „nicht vorhanden“) auf, manchmal aber auch fälschlicherweise mit dem des Vaters, etc.

Nach dem ersten Papierkrieg, papeleo, kann man nun relaxen. Das Stationsteam war wirklich sehr lieb und nett. Aber wenn man das Zimmer teilt, kann es schnell passieren, dass die spanische Großfamilie am Nachbarbett sitzt. Eine Rekonvaleszenzphase gibt es hier nicht: da werden fleißig Luftballons, Kuchen, Kinder und Selfie-Handys ab Tag 1 ans Bett gehalten, um den Familiennachwuchs schnellstmöglich zu begrüßen und zu kommentieren: que lindo, que muñeco!

  1. Junge oder Mädchen? In Spanien herrscht klare Symbolkraft.

Die Spanier sind leider auch – wie viele Nationen – Opfer der modernen Babyindustrie. Viele tappen blau- oder rosaäugig in die Genderfalle und eine „falsche“ Babybodyfarbe oder eine Haarspange am Kind führen die Spanier gleich auf die falsche Fährte, wenn es nicht zum Geschlecht passt wie definiert. Vielleicht um dies zu korrigieren und Missverständnisse zu vermeiden, ist es in Spanien Brauch, direkt nach der Geburt den Mädchen Ohrlöcher zu stechen und der Süßen erste kleine Perlenohrringe zu verpassen. Vermutlich ist der Schmerz so schnell vorbei wie eine Impfungsspritze, aber aus Deutscher Sicht mutet es doch etwas früh, unnötig und antiquiert an. Zumal die Jungen ja nix an Branding abbekommen…

  1. Das Nest wird nicht verlassen

Viele Spanier waren gerade am Anfang verwundert, dass wir so früh (Baby mit ein paar Tagen oder Wochen) schon vor die Tür gingen. Nach der anfänglichen „Rumzeigephase“ scheinen sich die frischgebackenen Eltern in Spanien erstmal einzuigeln und das Nest, das nido, maximal gemütlich zu halten ohne die böse Außenwelt (Sonne! Strand!). Ein paar Wochen ist dann erstmal Familienzeit im Haus angesagt, wo sich der Deutsche Ausländer denkt: geh ich doch mal lieber an der Standpromenade spazieren und zeig mich der Welt!

  1. Der Babyduft muss optimiert werden

Nicht nur in Das Parfum gibt es ein geruchloses Baby. In Wirklichkeit riechen ja alle Babys nicht. Sollte es doch mal riechen, so sicherlich nicht unangenehm und dezent. Selbst Babyschweiß ist ja ein Witz und fällt nicht auf oder maximal noch in die Kategorie „süß“. Trotzdem ist es dem Spanier ein Anliegen, alles was krabbelt heftig einzuparfümieren. Es gibt extra Baby-Parfüm, welches gerne mit einem großen Geschenkekorb direkt am Krankenhausbett landet. Manchmal geht unser Sohn frisch gebadet und ohne Geruch in und parfümiert aus der KiTa. Merkwürdig!

Auch wir wurden von spanischen Freunden zur Geburt mit dem Kölnisch Wasser des Marktführers Nenuco beglückt
  1. Tägliches Baden steht auf dem Programm

Umso erstaunlicher ist die Einnebelung, wenn man bedenkt, dass alle Spanier (die wir gesprochen haben) ihre Kleinkinder täglich baden. Selbst wenn der oder die Kleine nur einen matschfreien Tag im Haus verlebt hat. Wir fühlen uns schon immer schlecht, wenn wir das Kind an der KiTa-Tür abgeben und es bereits ein paar Tage überfällig ist (aus spanischer Sicht). Man kann nur hoffen, dass nicht nur unser deutsches Kind einparfümiert wird wie in der Zeit des Rokokos.

  1. Die Babys sind die nahbaren Stars für alle

Das Gute in Spanien: das Wetter ist meist ideal für einen Spaziergang und die Menschen sind weniger gehetzt zwischen zwei schutzgebenden Türen. Es bleibt Zeit für einen Schnack. Ein Baby ist hier auf jeden Fall der ideale Türöffner und Wildfremde bleiben stehen, schneiden Grimassen oder machen anderen Klamauk und loben erstaunt, wie süß das Kind sei: que cosa más linda!

Manchmal kommt diese Kinderliebe aber auch zu einem Preis: Wildfremde greifen in den Kinderwagen oder den Babyrucksack, streicheln über den Kopf oder verpassen dem überraschten Baby einen Kuss bevor die nicht weniger überraschten Eltern sich wegdrehen können. Hier freuen sich die Spanier einfach über den Nachwuchs in der Gemeinschaft und preschen gedankenlos begeistert vor – wo in Deutschland mehr Abstand Pflicht wäre. Man darf es niemandem übelnehmen und sich aufmerksam einfach über die Kinderliebe freuen. Immer wieder herrlich zu sehen, wie unbekannte seriöse Anzugträger oder zunächst griesgrämig wirkende alte Damen plötzlich in den Clown-Modus wechseln!

  1. Es gibt Mariakekse mit Kakao

 Der Galleta de Maria ist ein normaler runder Butterkeks, den man als Urlauber vielleicht schon mal in einem Puddingnachtisch hat schwimmen sehen. Er ist ein spanischer Klassiker und soll wohl auch dem Nachwuchs nur möglichst kurz als Kulturgut vorenthalten werden. Selbst in der Kita mussten wir ankreuzen, ob wir wollen das unser Nachwuchs bereits mit sechs Monaten Zucker in Form von Mariakeksen bekommen soll (Nein!). Oft soll ein Mariakeks mit Kakao am Morgen als einfaches, aber sicherlich nicht gesundes Babyfrühstück fungieren. Das würde auf jeden Fall erklären, warum die Erwachsenen in ihrem Urinstinkt nach dem Feiern frühmorgens betrunken die churros-Buden mit Schoko-Dipp aufsuchen! Ansonsten gilt das Keksgekrümel anscheinend als idealer Weg, um die Zähne mit den Konzepten Beißen und Karies vertraut zu machen.

  1. Kita-Eingewöhnung wird überbewertet

Viele Spanier geben Ihre Kinder deutlich früher in die KiTa. Das passt natürlich auch zu der oben genannten kurzen Elternzeit und häufig der Notwendigkeit – oder dem Wunsch -, dass beide Elternteile Ihrem Beruf schnell wieder nachgehen wollen. Während man in Deutschland gleich als Rabeneltern verbrannt ist, gibt es hier noch nicht mal eine gehobene Augenbraue, wenn das Baby mit drei, vier oder sechs Monaten bereits in der kleinsten Krabblergruppe landet.

Überraschend war bei uns (mit sechs Monaten) dann die Eingewöhnungsphase. In Deutschland wird da ja monatelang ein Plan erarbeitet mit detailliertem Minutenprotokoll, wann die Eltern im Nebenzimmer warten müssen, Einführung aller Unbeteiligten in die Räumlichkeiten bis hin zu Notfallschritten bei Geschrei. Am besten nimmt man sich dazu mindestens vier Wochen Urlaub in Deutschland. Hier lief es wie folgt: Tag 1 & 2 – das Kind wird an der Tür – ohne Eintreten der Eltern – abgeben und nach zwei Stunden abgeholt. Tag 3: das Kind wird an der Tür für den ganzen Tag abgegeben. Fertig. Easypeasy!

  1. Das Sozialleben existiert weiter!

Die schlaflosen Nächte existieren hier genauso wie in Deutschland. Man ist genauso K.O. und schaut neidisch auf die spanischen Großeltern nebenan, die das Enkelkind auch mal länger übernehmen… Aber die gute Nachricht: beim kanarischen Klima ist es ein Leichtes, den Kinderwagen abends einfach mit in oder vor die Kneipe oder das Restaurant zu schieben. Viele spanische Eltern tuen es uns gleich und genießen die Runde mit Freunden. Ist der Nachwuchs noch wach wird er fleißig rumgereicht, schläft er schon, wird er ohne böse Blicke in der Ecke geparkt. Hier sind die Spanier angenehm entspannt und hilfsbereit. Von Jung bis Alt gehören einfach alle in das tägliche Gesellschaftsbild. Manchmal leiden dann zwar bei den Spanierkids die regelmäßigen Schlafzeiten (In Deutschland ja Pflicht!), aber die Eltern können weiterhin am Sozialleben teilhaben… wenn auch mit Augenringen und einem Bier weniger als sonst. Wir sind auf jeden Fall sehr froh, dass wir unseren Sohn im Stile der Canarios aufziehen können – La Vida Canaria halt!

Was habt Ihr noch entdeckt?

Wir leben ja vor Ort und haben einen eigenen Blickwinkel auf La Vida. Es gibt noch so viel mehr zu berichten über Babys, Spanier, Klischees und Ausnahmen… aber heute soll es damit erstmal genug sein. Habt Ihr ggf. ähnliche Erfahrungen gemacht? Eventuell auch schon in einem kurzen Urlaub oder langfristig vor Ort auf einer der sieben Inseln? Schreibt uns doch gerne. Wir freuen uns!

  • Vivi & Tobbi plus Eins.

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